Ich lausche gerade einer Originalaufnahme des Adagio aus Johann Sebastian Bachs erstem Brandenburgischen Konzert, vom Komponisten selbst auf der Maultrommel eingespielt. Die Virtuosität, mit der Bach sogar die verstiefschwesterten Instrumente seiner Zeit beherrschte, lässt mich in Ehrfurcht meinen linken Zeigefinger lotrecht abknicken. Wenn ich mich heute hinsetze und eine Fuge auf der Flugharfe intoniere, kann ich nur andeutungsweise erahnen, wie die Zuhörer sich damals fühlten, wenn Johann Sebastian sein Taschenfagott zum Klingen brachte.
Viele seiner Werke können heute gar nicht mehr aufgeführt werden, etwa das Concerto Grosso für Kammerorchester, Dodolederdudelsack und zwei Flötenenden. Nicht mal aus Leonardo Da Vincis Abhandlung über die Dodeka-dorische Skala des Dodolederdudelsacks kann die richtige Stimmung der Intervalle rekonstruiert werden. Eine Bearbeitung im Generalbaß für die Kontrapiccoloflöte ruft beim wahren Kenner nur ein abschätziges Schlürfgeräusch hervor, das bei einer besonders feuchten Aussprache auch mal zu einer kleinen Pfütze auf dem Teppich führen kann.
Als Felix Mendelssohn-Bartholdy 1829 mit der Wiederaufführung der Matthäus-Passion die Bach-Renaissance einläutete, war es wegen der langen Zwischenzeit seit Bachs Tod und dem unglaublich langen Doppelnachnamen des Mendels schon zu spät, auf eine hundertprozentige Werktreue hinzuarbeiten. Deswegen wurden aus einer Mischung von Schamgefühl und Ach Komm mehrere Manuskripte der Suiten für Tenor-Bolzenschussgerät vernichtet, totgeschwiegen und durch die historisch nicht haltbaren Bearbeitungen unter dem Namen "Suiten für Violoncello solo" ersetzt.
Die Quintessenz des Bildungsbürgertums beharrt auch heute noch auf der Vorstellung, sie - so wörtlich - "ziehen sich authentische Barockmugge rein", obwohl schon seit Alfred Dürrs Neuer Bach-Ausgabe Zweifel an der Authenzinitäd der überlieferten Partituren herrscht. Nichtsdestowider liegt hier ein höherer Aunithizitanzgrad vor als bei Vulgärrezipionten, die David Garretts Popschmalz als So-Klassik-Halt konstanzieren.
Allerdings liegt die Forschung hier noch in den Kinderbetten, so dass es wohl derzeit zu früh ist, einen Paraphragmenwechsel einleiten zu wollen. Jedoch fiebern auf der ganzen Welt passierte Musikwissenschaftler jeder neuen Information zum Thema entgegen. Man darf verspannt sein.

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