Einmal waren wir in Österreich unterwegs. Und in Österreich gibt's nur die Alpen. Deshalb fährt man dorthin. Alle anderen Gründe sind Blödsinn. Jedenfalls waren wir auf dem Weg nach Innsbruck. Nachdem wir alles Geld zusammengelegt hatten, konnten wir uns einen VW Transporter mieten. Neben den fünf Sitzen bot die Pritsche Platz genug für sechs weitere von uns und alle Reisetaschen. Durch die Plane störte uns auch der Fahrtwind nicht. Solange sich jeder gut festhielt und der jeweilige Fahrer nicht zu stark bremste, gab es keine Probleme. Sollte uns die Polizei aufhalten, würden sich alle Pritschensurfer in Sekundenschnelle verpuppen und völlig regungslos sitzende Schaufensterpuppen imitieren. Wir waren schon ein eingeschworenes Völkchen.
Nun war in ganz Innsbruch kein Platz mehr in der Herberge. Doch der Alpolm wies uns den Weg zu einer nahgelegenen Schutzhütte. Der Alpolm war ein komischer Kauz. Um ihn einigermaßen zu verstehen, musste man grammatikalisch korrekt zwischen Alp und Olm trennen. Und selbst dann blieb das "Olm" recht obskur. Aber sei's drum, wir nahmen sein Angebot an und rollten auf den Berg zu. Da die Schutzhütte von der jüngeren Schwester des Olm betrieben wurde, sollten wir uns auf ihn berufen, wenn wir ankamen. Das würde einen kräftigen Preisnachlass nach sich ziehen, meinte er.
Aber die Schwierigkeiten gingen weiter. Schon am Fuße des Berges wurde deutlich, wie ungeeignet der Transporter für die Bergwelt war - und gerade bei dem Lebend- und Ladegewicht. Den ersten Anstieg schafften wir noch unter Dröhren und Ströhnen, doch als der geteerte Weg von einem unbefestigten Waldweg abgelöst wurde und die Steigung weiter anstieg, drehten die Räder nur noch durch. Deswegen sprangen wir alle von der Pritsche und selbst das turtelnde Fahrerpaar stieg aus dem Wagen zur Ortsbegehung. Da war aber nicht viel mit Rumgrübeln. Die kleine dickliche Rekbalde gab die Devise aus: "Schieben! Schiebt, ihr Säcke!"
Jaja, der Umgangston war damals hart, aber herzlich. Nicht wie heute, wo selbst deine Mutter ihre Sätze wie ein heruntergekommener Gossenclown formuliert. So suchten wir uns alle einen Platz hinter oder neben dem Transporter und schoben, schiebten und die hektischeren unter uns schabten Teile des Lacks ab. Oh mir grauste es vor der Übergabe an den Vermieter zurück in der Heimat. Aber es ging nunmal nur darum, den Wagen auf die Alm zu bekommen. Und das Unterfangen erwies sich als nicht gerade leicht. Schiebten wir anfangs noch zu zehnt, während das kleine dicke Gör mehr schlecht als recht das Steuer bediente und uns alle naslang in den Graben navigierte, wurde unsere muntere Truppe mit steigender Höhe immer weiter ausgedünnt. Zuerst kam mir das alles spanisch vor, doch dann fand ich meine Muttersprache wieder. Natürlich wurden wir ausgedünnt, denn für die Luft waren tausend Höhenmeter ja noch kein großer Brocken. Und wenn die Luft keinen Grund hatte, sich auszudünnen, musste der Erzählfluss eben andere Materialien bearbeiten.
Dabei merkten wir noch nicht mal, wenn einer weg war. Es war plötzlich so, als hätten wir schon die ganze Zeit zu neunt geschoben. Da der Schwächste zuerst weg war, änderte sich - in Newton ausgedrückt - wenigst. Auch als nur noch acht da waren, schiebten wir weiter. Als nächstes war Rekbalde verschwunden. Aber da sie ohnehin nicht viel zum Gelingen beigetragen hatte, übernahm Androld, der auf der Fahrerseite schob, das Steuer mit der rechten Hand, nachdem der Wagen wieder einmal an einer Wurzel am Wegesrand gestrandet war. Irgendwann waren wir nur noch zu fünft und die Strapazen wurden beinahe unerträglich. Dort dachte ich zum ersten Mal, dass es doch am Anfang viel leichter vorwärts ging. Ich konnte mir aber immer noch keinen Reim drauf machen.
Da waren wir auch schon an der Baumgrenze angekommen. Die größte Steigung war überwunden, hier wurde der Weg wieder flacher. Wir schiebten immer noch zu viert, doch es wurde zunehmend leichter. "Zunehmend leichter" ist übrigens kein Begriff aus der Ernährungswissenschaft, wie mancher ungebildete Mensch annimmt.
Schließlich waren wir auf einem geraden Stück Weg gelandet und der Transporter schien wieder fit wie ein motorisierter Turnschuh zu sein. Also sprang ich auf den Rücksitz und schloss die Tür. Androld setzte sich hinter das Steuer und drückte dreimal kurz auf die Hupe. Dabei johlte er wie ein Eskimo am Weißen Dienstag. Erschöpft und doch erleichtert fuhren wir weiter. Als ich in der Ferne schon die Schutzhütte sah, fragte ich mich, warum ich auf dem Rücksitz lag und nicht hinter dem Steuer saß. Denn so führerlos würde der Wagen noch verunglücken, bevor ich die Hütte erreicht hatte. Ich zwängte mich also so schnell wie möglich zwischen den Sitzen nach vorne durch und übernahm die Führung. Als ich die idyllische Aussicht genoss, konnte ich gerade noch bedauern, dass ich die Reise alleine angetreten hatte und das alles mit niemandem teilen konnte, da sah ich an der Tür der Hütte den Alpolm stehen. Ich parkte den VW und schleppte meine Reisetasche zur Tür. Ich begrüßte den Olm freundlich und fragte ihn verwirrt, wie er denn hier hoch gekommen sei, noch vor mir und in dem hohen Alter. Er lächelte mich nur verschmitzt an und sagte: "Willkommen, Fremder! Zehn Jahre wirst du für mich arbeiten, wirst meine Kühe hüten und das Haus instandhalten. Denn zehn sind verschwunden, dir am Arsch vorbei. Tust du deine Arbeit immer recht und sorgfältig, wird dir die Zeit erstattet werden und du darfst zurück ins Tal kehren, wo dir die Freundschaft verdoppelt wird. Und alle werden wieder da sein. Bist du aber faul, wird deine Gesellschaft am Ende aus Kühen bestehen und ihr werdet bis ans Ende eurer Tage wiederkäuen. Immer und immer wieder. Und dein Verstand wird so verkümmert sein, dass du es nicht mal merkst."
Ich erschrak, warf meine Tasche in die Hütte und ging sofort an die Arbeit.
Montag, Dezember 06, 2010
Die Reise nach Innsbruck
Eingestellt von Tino Lingenberg um 00:41
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)

0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen