Irgendein Cousin hatte Geburtstag. Die ganze Familie war eingeladen. Tanten, Onkel, Cousins, Großcousins und vielerlei Gewandtschaftshängsel. Anselhängsel von allerseits versammelt. Es war Sommer und alle feierten. Essen und Getränke waren im Schuppen untergebracht. Als das große Abendessen begann, wurde es so belagert, dass nicht mal die Mutter mit den gegrillten Steaks zum Buffet durchkam. Sie musste sich an Horden kleiner Fressmonster vorbeikämpfen, die mit ihren Augen schon alles geleert hatten. Doch der gemeinschaftliche Verbund erfahrener Mütter und Omas war auf den eigentlichen Kampf mit den kleinen Mägen durchaus vorbereitet. Den hatten sie bisher noch jedes Mal gewonnen.
Der Tisch mit der Blümchendecke wurde nach allen Regeln der Kunst abgegrast. Irgendwann kam der Nachtisch. Die älteren Generationen saßen schon satt und gemütlich an den Tischen im Garten und dampften zufrieden ihre Zigaretten und Mitochondrien, unfähig, sich noch weiter zu bewegen. Sie erzählten Geschichten und tauschten Ratschläge aus. Die Kinder jedoch waren nicht kleinzukriegen. Schon bald hatte der erste mitbekommen, dass die immer noch reichlichen Überreste des Hauptbuffets verschwunden waren und den Platz für die Nachspeise freigemacht hatten. Es gab Mousse. Es gab Pudding, Quark, Quarkpudding, Quarkwackel, Wackelquark, Puddelwacking, Wackelpudding, Wackhmmmm wie soll man das alles beschreiben, was Jahrhunderte kreativer Magenbefüller entwickelt haben?
Der grüne Wackelpudding war besonders beliebt. Alle Kinder scharrten sich darum. Er war neongrün. Wer auch immer ihn zubereitet hatte - denn das wusste keiner mehr - musste Erfahrung mit radioaktiven Materialien haben. Die schnellsten Kinder standen um ihn rum, berührten die gläserne Schüssel mit ihren Fingern und hatten dabei leuchtende Augen. Ihre Fingerspitzen brachten den glibberigen Stoff zum Glühen. Der kleine David ließ für Sekundenbruchteile einen Smilie aufleuchten, wie an einer kalten Glasscheibe, die angehaucht wurde. Die Kinder waren begeistert. Die drei ersten hatten schon ihre Plastikbecher mit dem begehrten Stoff gefüllt, der beim Ablösen mit dem Löffel mindestens so laut furzte wie draußen Opa Helmut im Schaukelstuhl. Doch sie konnten die Schüssel nicht aus den Augen lassen und starrten weiter darauf, während sie aus den Bechern aßen. Ihre Geschwister und Cousins hinter ihnen konnten Hypnose als Ausrede nicht gelten lassen und versuchten, sie wegzudrängen, um selbst das ersehnte Ambrosia zu erreichen. Sie drängten und schubsten, doch ohne Chance. Die schnellsten waren auch die stärksten und machten keine Anstalten, den Schuppen zu verlassen. Ja, sie wurden irgendwie schon selbst grün. Grün, grün, grün sind alle meine Kinder. Von hinten meldete sich jetzt ein ungehaltener älterer Cousin, der gerade den Absprung von seinem gemütlichen post-äsigen Schlummerpäuschen gefunden hatte und eine kleine süße Mageninhaltsendlinie schaffen wollte.
"Was ist denn mit euch los? Ihr denkt wohl ihr seid die einzigen, die ein Anrecht auf den Pudding haben. Geht sofort da weg, sonst setzt's was!"
Die drei Sprinter schreckten auf und schauten ihn an, als wären sie gerade aufgewacht. Bevor die Drohung wahrgemacht werden konnte, boxten sie sich ihren Weg nach draußen frei. Jetzt lief der Verköstigungsbetrieb wieder in den gewohnten Bahnen weiter. Daniel, der ältere Cousin füllte seinen Becher mit fast allen vorhandenen Geschmacksrichtungen, störte sich nicht an den Quark-Pudding-Gegensätzen, sondern schuf einen Multikulti-irgendwaszwischenglibbersaftundsahnebisetbrei. Dann ging er mit seiner Schwester wieder nach draußen. Aus den aufgestellten Radioboxen hallte ihnen die Musik entgegen, gerade so laut, dass sie die Gespräche nicht übertönte.
"Ja, das sind die 60er. Und die 70er. Oldies gefallen einfach jedem." meinte Daniel in bester Smalltalk-manier.
"Ich kenn da auch eine Radiostation, die sendet aber erst nach 22:30 Uhr gute Musik, die man auch anhören kann."
Daniel wusste nicht, was seine Schwester damit sagen wollte. Es war gerade 23:09 Uhr und sie waren nicht mal im Empfangsbereich der Radiostationen, die sie von zuhause kannten. Aber sollte sie mal weiter reden. Er war ja selbst nicht besser. Immerhin war es erst 1956 und das nahm seinem eigenen Smalltalk gehörig den Wind aus den Segeln. Er erkannte das Paradoxon sofort und sorgte so dafür, dass ich augenblicklich aufwachte. Es war sowieso schon nach neun und der Nachbar mähte zum letzten Mal für dieses Jahr den Rasen. Samstag ist der König der Wochentage.
Sonntag, Oktober 31, 2010
Grüner Wackelpudding
Eingestellt von Tino Lingenberg um 00:20
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