Offiziell war er ein Prophet. Kein Prophet wie man ihn kennt, mit Gott und flammenden Endzeitreden. Sondern einer des Selbst. Deswegen sollte er in das große Innere reisen und dort die Geschichte von der Aufrichtigkeit erzählen. Doch er wusste, dass es nur falsche Worte gab, um die Geschichte zu erzählen. Es würde keinen Sinn machen. Lieber als eine Rede voll unklarer Worte zu einem Volk mit falschen Ohren war ihm ein Platz im Schatten des Seins mit gelegentlichen Fragmenten des Erlebens. Er machte sich also auf, ins Äußere zu fliehen. Bald kam er an den Rand des großen Teichs und buchte dort eine Überfahrt für ein wenig Geld. Die Reise ging über Nacht weiter. Er wurde müde und machte es sich zwischen zwei Brüsten gemütlich.
Nach kurzer Zeit zog ein schwerer Sturm auf. Das Schiff drohte auseinander zu brechen. Auf Deck war der Teufel los. Als ihr ein dickes Tau gegen den Kopf stieß, erwachte auch die Nutte. Sie wusste sofort, was los war und weckte den Propheten.
"Wach auf, Heuchler! Das sind deine Wellen, stimmt's? Wie kannst du hier bei mir liegen, dich an mir wärmen und dabei eine solche Unruhe in dir haben? Kostverächter, elender! In deine eigenen Wellen sollst du springen, bevor sie noch alles mit sich reißen."
Als ein Mann von vorschneller Einsicht war dem Propheten klar, dass sie recht hatte. Er ließ sich also über die Reling fallen und landete im tiefen, unruhigen Meer. Im selben Moment wurden die Wogen wieder kleiner und der Sturm legte sich. Der Prophet aber konnte nicht schwimmen und ging unter. Da wurde er von einem riesigen Tintenfisch inhaliert.
Neue Situationen brachten den Propheten zum Nachdenken, und so etwas war ihm wirklich noch nie passiert. Er dachte also an einen mutigen Schritt zur wahren Bestimmung, den er sofort wagen würde, wenn er aus diesem Glibber entkäme.
Und tatsächlich, er wurde nach einer dreiviertel Stunde wieder an einem menschenleeren Strand ausgewürgt. Sofort ging er los, diesmal wirklich in die innere Richtung. Kurze Zeit später war er angekommen. Dort wartete er auf einen Moment der Aufmerksamkeit und erzählte sich die Geschichte von der Aufrichtigkeit.
"Für jeden kommt einmal die Stunde der Wahrheit, und jetzt hat sie für dich geschlagen. Erinnere dich an die Zeit, da deine Erde wüst und leer war. Klosterfrau Melissengeist schwebte über der Haut und wurde nur äußerlich aufgetragen. In dieser Zeit erschuf man das Außen und das Innen. Am ersten Tag trennten sich Neugier und Unschuld voneinander und hinterließen eine Spannung. Beide bekamen ein Licht zugewiesen. Die Neugier bekam eine kleine Taschenlampe zum Erforschen, die Unschuld hingegen weißleuchtendes LED-Licht, überall verteilt. An den nächsten Tagen setzte man viel Schönes in das Innen. Immer, wenn die Unschuld herrschte und alles hell erleuchtet war, kam Neues hinzu. Wunderschöne Pflanzen, kleine Tiere, große Tiere. Tiere die flogen, Tiere die schwammen. Alles war noch neu und makellos. Als letztes und bestes kamen die Menschenkinder in das Innere. Die ganze Schöpfung war bewundernswert. Noch nie hatte man so viel Schönheit gesehen.
Nun wechselte das Sein immer zwischen Unschuld und Neugier. Obwohl die Unschuld alles sah, ging von der Neugier doch ein großer Reiz aus, alles neu zu erforschen. Erst hier schien sich die wahre Natur der Dinge zu offenbaren, im schwachen, gerichteten Licht der Taschenlampe.
Das Selbst ging in der Neugier spazieren und sah einen kleinen Strauch. Es kam näher und entdeckte filigrane Schattierungen in den Blättern, die wie ein kleiner Wald wirkten. Vorsichtig riss er das eine oder andere Blatt aus dem Strauch. Die Schatten veränderten sich immer wieder und formten neue Figuren. Selbst als alle Blätter abgetrennt waren, blieb noch ein unheimlicher, faszinierender Schatten aus langen, krummen Stäben zurück, wie verdorrte Knochen, die eine seltsam morbide Schönheit ausstrahlten. Ein solches Schattenspiel hatte ihm die Unschuld nicht bieten können. Dafür kam sich das Selbst in der Neugier verloren und allein vor.
Ein anderes Mal, wenige Wochen später, leuchteten dem Selbst zwei helle Rubine entgegen. Es richtete die Lampe auf die Edelsteine und erkannte gerade noch eine kleine Katze, bevor sie sich schnell hinter einem Baum versteckte. Wie künstlerisch war doch alles ausgearbeitet. Wie sähe es wohl aus, wenn er die Rubine extrahierte und sie in den knochigen Strauch einarbeitete? Nein. Manchmal musste die Neugier im Zaum gehalten werden. Schon als damals der leere Strauch zum ersten Mal in der Unschuld betrachtet werden konnte, war es dem Selbst wie Schuppen von den Augen gefallen. Es hatte etwas zerstört. Was die Neugier noch als schön und reizvoll ansah, erkannte die Unschuld als nacktes und schutzloses Leben.
Durch die Erfahrungen der ersten Jahre lernte das Selbst immer mehr über Neugier und Unschuld und deren inneren Zusammenhang. Beide betrachteten dieselben Dinge. Doch während die Unschuld die reine Form in aller Pracht erstrahlen ließ, beleuchtete die Neugier reizvolle Details, die das Selbst in wohligem Schauer erzittern ließen. Jedes Ding, jedes Wesen entfaltete seine Schönheit unter einem anderen Licht. Während eine welke Blume nur noch bei Neugier gesehen interessante Aspekte hervorbringen konnte, abgelöst von seiner Umwelt im geheimnisvollen Unbekannten, wirkte ein großer Hirsch erst bei voller Beleuchtung der Unschuld so naiv majestätisch, wie er es nur inmitten seines angestammten Reviers konnte.
So geschah es nach vierzehn Jahren, dass das Selbst eines der herangewachsenen Menschenkinder sah. Mit Erstaunen bemerkte das Selbst, dass der Knabe vollkommen schön war. Und zum ersten Mal konnte es nicht genau sagen, ob die Augen der Unschuld oder die der Neugier die Schönheit entdeckt hatten. Wirkte er unschuldig vollkommen, weil er sein Wurfholz formvollendet immer wieder weit über die Wiese warf, das sein Hund ihm zurück brachte? Oder war es die Neugier, die ihm über den Nacken strahlte und sein Profil in zarte androgyne Schattierungen tauchte? Die Erfahrung war neu, und das Selbst wusste nicht damit umzugehen.
Damit endet meine Rede etwas abrupt, aber meine Botschaft ist zuende. Die Geschichte der Aufrichtigkeit in einer ihrer vielen Formen wurde ausgesprochen. Nun sieh zu, was du damit anfängst."
Der Prophet wartete ab. Doch nichts geschah. Er wurde wütend.
"Es war klar. Es war von Anfang an klar. Keine Reaktionen. Niemand guckt verständnislos, mitleidig, angewidert, stolz, mitfühlend, aufmunternd oder zornig auf mich. Keiner schreit Parolen. Wofür rede ich überhaupt? Hätte ich gewollt, dass keiner sich daran stört, was ich sage, hätte ich auch grad gar nichts sagen können. Ob ich nun hier ignoriert werde oder auf dem Schiff, was macht's?"
Jemand sprach:
"Warum willst du Reaktionen? Was hilft das?"
Der Prophet ging trotzig zurück an den Rand des Inneren. Er war so wütend und aufgewühlt, dass er sich mitten ins Nichts stellte, seine Hände ballte und so laut schrie, wie er konnte. Seine ganze Wut, sein ganzes Leben brüllte er in alle Richtungen hinaus. Drei Tage lang schrie er ununterbrochen. Kein sinnvoller Laut verließ seine Lippen, nur reine Lautstärke. Als er fertig war und alle Enttäuschungen seines Lebens herausgeschrien hatte, fiel er wie tot zu Boden und rührte sich drei Stunden lang nicht.
Dann erwachte er langsam aus seiner Erschöpfung, stand vorsichtig auf und ging ein paar Meter hin und her. Er fühlte sich unglaublich erleichtert, befreit.
Da kam die Stimme wieder:
"Ich sehe, du bist wieder frei. Willst du es nicht dabei belassen?"
"Vergiss es. Ich bin jetzt vielleicht erleichtert, aber was bringt mir das, wenn es sonst niemanden interessiert?"
"Was kümmern dich halb durchdachte Reaktionen von Stimmen, die deine Worte sowieso nur halb verstanden haben? Mitleid, Verständnis, Hass - willkürliche, austauschbare Gefühle, die dem Selbst nichts abnehmen. Die einzige wirkliche Entlastung war dein Schrei. Wer hat ihn gehört? Wer hat ihn gesehen? Drei Tage warst du alleine. Hast drei Tage lang deine Seele geleert, bis du schließlich erschöpft zusammengebrochen bist. Dann bist du wieder erstarkt. Von ganz alleine. So braucht auch die Geschichte der Aufrichtigkeit keine Adressaten. Sie ist wie ein reinigender Schrei. Keiner muss sie hören, damit sie wirkt. Sie ist einfach da."
Samstag, Mai 15, 2010
Der Prophet
Eingestellt von Tino Lingenberg um 13:49
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1 Kommentare:
Hallo!
Tolle Geschichte!
Eine wahre Freude deine Worte zu lesen.
Ich werde mich weiter umschauen.
Ach, und den Propheten, der seine Wut so leben kann, den würde ich gern mal kennenlernen. Ich glaube ihm.
Grüße,
Mathias
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