Weil das Stehen doch nicht nur ein Herumstehen ist. Die Schwerkraft drückt mich nach unten, aber was zieht mich nach oben? Warum lieg ich nicht flach auf dem Boden? Es ist der Trotz gegen die natürliche Fallrichtung, der mich zwei Meter über den Erdboden hat wachsen lassen. Auch wenn sich manches in mir immer wieder ergeben will, die Größe bleibt. Sie ist dauerhafter als die Erschöpfung, wenn das Nichts erschlagend wirkt.
Weil das Stehen nicht nur Stehen ist. Auch wenn ich mich tatenlos fühle, stehen gelassen und passiv: es ist Auflehnung aus sich selbst heraus. Warum bin ich nicht Matsche am Boden?
Und dann das Leben an sich...Auflehnung gegen die Notwendigkeit. Der Atlantiküberquerer aus einem Inzestdorf irgendwo im Mittelgebirge. Der Wille zum Vorwärtsgehen.
Irgendwo berechnet ein alter Mensch jeden Tag wieder neu ein Gleichungssystem mit mehr als tausend Variablen. Davon erwartet er sich die Antwort auf eine Detailfrage im riesigen Universum der Zahlen. Ein unbedeutender Vorstoß, wenn er denn wirklich gelingen sollte. Aber ein Vorstoß. Deswegen rechnet er seit vielen Jahrzehnten jeden Tag wieder neu, opfert alle Zeit, die er hat. Irgendwann ist er am Ziel. Die Zahlen ergeben Sinn, die Variablen ergänzen sich.
Er schreibt alles auf, veröffentlicht es. Niemand interessiert sich dafür. Der Mensch stirbt.
Nach zweihundertsiebenunddreißig Jahren entdeckt ein anderer Mensch in einer anderen Kultur mit seltsam tätowierter Schulter die Veröffentlichung und stößt mit dieser Grundlage in einen neuen Zahlenraum vor, lässt die komplexen Zahlen hinter sich und kommt der zweiundvierzig verdammt nahe.
Leben ist Überwindung von Anfang an. Auf einem kleinen Stein im leeren Universum bilden sich selbstorganisierte Zellverbünde und erkennen sich schließlich selbst als das Paradoxon, das sie sind.
Im Glauben, dass die Linie weg vom Nichts niemals endet, auf den Vollender schauen, ihn nicht deutlich sehen und trotzdem weitergehen. Er ist ja da.
Montag, April 12, 2010
Stehen und Leben
Eingestellt von Tino Lingenberg um 23:01
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)

0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen