Sonntag, April 04, 2010

Dreiundzwanzig

Als ich so den Feldweg entlang lebe, sehe ich einen Hirte auf der Wiese stehen. Im ersten Moment will ich mich hinter einer Hecke verstocken, doch da merke ich, dass er mich schon längst gesehen hat. Schon bevor ich geboren bin. Weil diese Konstellation recht unfair für ein ordentliches Verstockspiel ist, geh ich direkt auf ihn zu.
"Hallo Hirte!"
Er ergreift mein Wort und lässt es freundlicher klingen als ich es je könnte.
"Hallo Mensch!"
Ich weide mich an den Worten und stelle fest, dass ich wirklich einer bin.

"Warum wolltest du dich verstocken?"
"Hab wohl befürchtet, dass sie in deiner Nähe 'Oh Happy Day' singen."
"Wen meinst du mit Sie"?
"Keine Ahnung. Aber irgendjemand macht das doch immer, wenn du in der Nähe bist."
"Und sowas passt dir gerade nicht?"
"Nein. Ich bin gerade zu leise, um lautes zu hören. Gerade erst hab ich mir ein kleines Kartenhäuschen verkopft, das mir noch ein bisschen wacklig scheint. Das will ich nicht kaputtfreuen."
Da legt er mir seine rechte Hand auf die Schulter und führt mich von seiner Herde weg. Wir gehen nicht weit, nur zu einer kleinen Quelle, die neben einigen Sträuchern entspringt. Er sagt:
"Hör mal hin."
"Das ist mir jetzt aber zu boulevardpsychologisch. Die Natur entdecken, Stille finden und auf das Gezwetschger des Baches hören. Dafür kann ich auch in den Selbstfindungskurs vom VHS gehen."
"Du hast mich falsch verstanden. Hör mal hin."
Hör ich halt hin. Und was soll ich sagen...nach einer Weile verstehe ich, was er meint. Ärgerlich ist nur, dass ich das Ganze nur mit den Worten "Der Bach plätschert ja" beschreiben kann. Aufgrund der Unzulänglichkeit meines Worthülsenvorrats knie ich mich nieder, tauche meine Hände wie eine Schale ins Wasser und trinke einen guten Schluck davon. Ja, das beschreibt es schon besser. Wenigstens ein bisschen.

Gut gelaunt aber immer noch etwas brüchig gehe ich an der Seite des Hirten weiter. An der nächsten Wegkabelung switche ich nach links, obwohl der Weg weiter ist als der rechte. Damit will ich die Wanderung verlängern. Es fühlt sich richtig an. Als ich kurz nach neben schaue, entdecke ich ein wissendes Grinsen auf dem Gesicht des Hirten, das mir aus einem logikbefreiten Nichtgrund heraus Sicherheit vermittelt. Kurz hebe ich die Augenbrauen etwas an und verfalle in ein nicht näher bestimmtes Äquivalent eines fröhlich unbeschwerten Vorsichhinpfeifens. Der Hirte stimmt mit ein. Ich weiß nicht in was, aber es ist lustig.
Da leben wir also weiter die Straße entlang, als plötzlich eine Horde Braunbär-Ninjas aus der Hecke stürmt und sich uns wie Zwölf Uhr Mittags entgegen stellt. Ich bleibe wie versteinert stehen und kann nicht mal über die skurrile Wendung der Geschichte den Kopf schütteln, so verängstigt bin ich. Nicht so der Hirte.
"Warum hast du Angst? Sei getrost und lass stecken, ich hab doch einen Stab!"
Kaum gesagt, stürmt er auch schon mit seinem Hirtenstab in der Hand los. Die Braunbär-Ninjas gehen in Gefechtsstellung, als der Hirte abrupt anhält, umdreht und einen gut eingepackten Taco-Salat aus seiner Manteltasche holt.
"Eh ich's vergesse...guten Appetit!"
Er überreicht mir in aller Seelenruhe den Salat, dreht sich wieder um und rennt mit Gebrüll auf die Feinde zu. Seltsamerweise kein bisschen verwundert setze ich mich auf eine Bank am Wegesrand und esse genüsslich meinen Taco-Salat, während ich den Kampf beobachte, der einem guten Martial-Arts-Film nachempfunden scheint.

Nach kurzer Zeit sind die Ninjas in die Flucht geschlagen und wir gehen weiter als wäre nichts geschehen. Und der Hirte wäre nicht der Hirte, wenn er nicht schon das nächste As im Ärmel hätte. Dieses As materialisiert sich in Form von zwei Flaschen Bier. Beide öffnet er mit seiner Augenbraue (!) und legt mir die eine in die Hand.
"Wir stoßen an auf den Sieg und die Zukunft!"
Der Kerl ist echt in Ordnung. Hatte ich schon fast vergessen.
Wir trinken also unser Bier aus und gehen weiter. Da fragt mich der Hirte ob ich noch Lust hab, bei ihm abzuhängen. Da ich sowieso sonst nichts vor hab, geh ich mit ihm. Wir gehen auf ein Haus am Ende der Straße zu. Es ist sein Haus. Hinter mir höre ich Schritte. Als ich mich umdrehe und zwei schlicht gekleidete, aber schön anzuschauende Personifikationen hinter mir sehe, weiß ich, dass ich gerade Teil eines größeren Ganzen bin.