Es war vor etwa drei Jahren. An einem schönen Tag gegen Ende des Frühlings ging ich von zuhause weg, um ein paar Kilometer zu joggen. Um in der nicht gerade besonders flachen Landschaft nicht schon am Anfang zu viel Kraft zu lassen, ging ich die zwei steilen Straßen hoch, bis ich bei den Erlen auf eine relativ flache Strecke kam. Hundert Meter geradeaus, ein Stückchen bergauf, fünfzig Meter, gutes Stück nach oben, Wald, oben angekommen. Vier Kilometer Rundstrecke, wie geschaffen für Beine, die sich nach zweckbefreiter Bewegung sehnten. Eine Runde lief ich am Stück, die zweite hatte ich gerade zu einem Viertel beendet, da war mir nach ein bisschen auktorialer Übersicht zumute.
Im vorsichtig grünenden Wald wusste ich einen Hochsitz. Zwanzig Meter vom Rundweg in den vom Sturm etwas gelichteten Mischwald ging ich, bis der Sitz direkt vor mir in die Höhe ragte. Viele lange Hölzer, auf praktische stabile Bauweise ausgelegt, ohne viel Mühe um die optische Eleganz gezimmert. Nach einer kleinen Kletterpartie war ich oben auf dem Brett, das der Sitz war, angekommen. Kaum hatte ich mich hingesetzt, waren die Beine weit über den Rand überkreuz ausgestreckt und die Seele baumelte im Schunkelschritt. Als ich da so saß, vielleicht zehn Minuten, tauchte unten ein grauer Wolf auf, wie es sie mittlerweile wieder in Brandenburg geben soll. Für einen Ostwolf sah er aber zu bemüht lässig aus, weshalb ich ihn eher in irgendeine westskandinavische strukturschwache Gegend verortete. Ein weiteres Indiz war sein angeregtes Gespräch mit einem imaginären schwedischen Elch. Die nervöse, eingeschüchterte Art des Wolfes ließ auf einen majestätischen und verdienstreichen Elch schließen, der schon viele Generationen von Wolfskindern durch ihr einsames und kräftezehrendes Leben begleitet hatte.
Viele südlicher wohnende Menschen machten sich gar keine Vorstellung, wie wichtig die Freundschaft mit einem großen, ausgewachsenen Elch für einen jungen Wolf war. Er baute ihn auf, hörte ihm zu und war in der Nähe. Vor allem letzteres.
Dafür wurden die imaginären Elche immer wieder ausgelacht von anderen Tieren, die sich in Skandinavien rumtreiben. Mir fällt leider keins ein, aber selbst so weit im Norden soll es noch mehrere verschiedene Tierarten geben, sagt Brehm. Ich rede nicht von Eichhörnchen, sondern von echten, größeren Tieren. Ihnen war der Anblick eines fiktiv realen Elches neben einem verspielten Wolf zu ungewöhnlich um einen Sinn dahinter zu entdecken.
Auf jeden Fall liefen die zwei, Wolf und Elch, langsam ohne Eile vor sich hin. Der Wolf etwas müde vom langen Weg und der Elch recht unsichtbar per definitionem. Gerade setzte der Wolf an, um nach kurzem Zögern den Elch etwas sehr wichtiges zu fragen, da wurde ihm bewusst, dass er nicht reden konnte. Also sang er es: "Du Elch, ich bin froh, dass ich dich habe!" Unbeholfen umarmte der Wolf mit allen Beinen stellvertretend einen erwachenden Farn, der dabei ein Blatt einbüßte. Fast hatte ich den Eindruck, der Elch errötete ein wenig. Aber dann fiel mir auf, dass dort ein Himbeerstrauch war. Erschrocken sah ich mich um und merkte, dass bereits Juli war. Schnell stieg ich vom Hochsitz herunter, holte mir zwei Himbeeren vom Strauch und schaute noch kurz dem ungleichen Paar hinterher.
Dann ging ich zurück auf den Waldweg und lief weiter. Von hier aus ging es nur noch bergab. Ich freute mich über den angenehm belebenden Endspurt nach hause und ließ alle Tiere hinter mir.
Freitag, März 19, 2010
Wolfsfreund
Eingestellt von Tino Lingenberg um 23:17
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