Mittwoch, Februar 25, 2009

Fasching - Erzählfragmente

Ich war noch nie ein großer Fan von Karneval in seinen verschiedenen Ausprägungen. Auch dieses Jahr lässt sich meine Karnevalszeit in ein paar wenigen Fragmenten ausdrücken, denen ein Gefühl von Second Hand anlastet.

1. Der Busfahrer
Gespräch im ansonsten leeren Bus. Ja, wir wissen beide, dass diese Gegend nicht gerade für seine Faschingsbegeisterung bekannt ist. Ganz anders war das damals in der guten alten Zeit, als er noch in Köln seine Linien gefahren ist. Da hat ihn ein Freund mit zur Männersitzung genommen. Der Rheinländer an sich hat sich sofort mit ihm angefreundet, jeder kannte jeden, jeder wollte jeden kennen, jeder trank sein Kölsch mit ihm. An einem anderen Tag musste er den Junior Karnevalsprinzen von Veranstaltung zu Veranstaltung fahren. Von einem Ort zum nächsten, immer was los. In der heißen Zeit fährt er alle Karnevalsmuffel des Rheinlandes nach Paris, Berlin, überall hin. Trotzdem immer was los. Genau wie damals, als er einen Nightliner auf Tour mit Grönemeyer gefahren hat. Oder für die Kastelruther Spatzen. Die Musik ist eh egal, das Schöne ist die gute Stimmung mit den Technikern. Jeder sollte mal so ein Tourleben mitgemacht haben. Wie das eine Mal, als er am Morgen schon früh alle zum Veranstaltungsort gefahren hat und sich erstmal zur Einstimmung auf den freien Tag ein Bierchen zwitschert - während nebenan in der Berufsschule die Schüler eintreffen und nur staunend zum Nightliner schauen. Ja, eine wilde Zeit war das. Und an Karneval im Rheinland wollte jeder jeden kennen. Schön war das.
An dieser Stelle der Erzählung verlasse ich den Bus. Karneval als Kumulation von gesammelten herausragenden Erlebnissen eines Lebens und einer großen Sehnsucht nach "der Zeit, als es schön war".

2. Die Kneipe
Ein Abend in der Stammkneipe der gescheiterten Existenzen. Nein, weder heißt sie so, noch sollte ich sie so nennen. Zu unterschiedlich ist die Zusammensetzung der Gäste. Doch bei dem festen Kern spüre ich ein Gefühl des "hier kann ich wenigstens einfach sitzen und von Zeit zu Zeit jemandem in die Augen schauen". Ich weiß immer noch nicht, warum meine Freunde die Örtlichkeit so mögen. Doch, ich kenne den einen oder anderen Grund. Und es sind nicht meine Gründe. Aber was soll's...ein Tischkicker und eine schöne Erinnerung reichen mir auch noch, um nicht sofort die Flucht zu ergreifen. Nur heute abend passt nichts wirklich. Es ist der Freitag vor Rosenmontag. Gibt's da einen besonderen Namen für? Egal. Der erste hat sich schon im Klo eingeschlossen, um geduldig auf seinen Mageninhalt zu warten. Irgendwann kommen zur Stammkundschaft noch drei Karnevalsbienen, nein, Hummeln zur Tür hinein gesurrt. Die Jukebox wird sofort übernommen und das Budget in deutsche Schlager und Karnevalskracher investiert. Fühle mich fehl am Platz. Hoffnung kommt auf, als die Polonaise die Eingangstür in ihr lustiges Treiben mit einbezieht. Aber keine Chance - irgendwann merken alle, dass die Lautsprecher unmöglich bis in die nächste Querstraße schallen können, und kommen zurück. Da setzt die Musik aus und alles beruhigt sich. Doch das Universum will damit nur die Wirkung des nächsten Ereignisses auf mich verstärken. Wie aus dem Nichts steht plötzlich Mutter Hummel da und wedelt mit ihrem glitzernden Partyhut vor meiner Nase herum, gefolgt von einem ohrenbetäubenden "für die Jukebox!", in einer Tonlage, die ich so eigentlich nur von Barry White gewohnt bin. Mein Nachbar wirft ein größeres Cent-Stück in den Hut; das lenkt die Aufmerksamkeit von mir ab, so dass ich langsam meinen plötzlichen Schockzustand überwinden kann. Glücklicherweise habe ich deswegen bis heute keine Erinnerung mehr an den darauf folgenden Schunkelschlager.

3. Die Innenstadt
Wir schreiben Montag und wir schreiben Dienstag. Beide Tage lassen sich so gut mischen, dass es keinen Grund gibt, sie erzählerisch zu trennen. Ich komme in die Fußgängerzone und merke: hier war irgendetwas los. Denn am Boden liegt Konfetti. Viel? Nein, mir ist es nur peinlich, den Singular von Konfetti zu googeln. Am Boden liegt also Konfetti. Da geht eine Mutter mit einem kleinen Vampir an der Hand an mir vorbei. Arme Frau! Ich frage mich noch, ob das der richtige Weg zur Psychiatrie ist, da seh ich schon die nächsten Gestalten. Wahrscheinlich wollte sich das offensichtlich handwerklich ungeschickte Kind als Maus verkleiden, aber nunja...Kühe sind ja auch was schönes. Wieder sehe ich Konfetti. Hier war doch irgendwas. Ganz sicher. In der U-Bahn rennt mich fast ein kleiner Batman um. U-Bahn? Ach ja, das ist schon eine andere Stadt. Ich sag ja, hier wird alles bunt gemischt. Bunt wie Konfetti. Und da ist es auch schon wieder. Nein, wo kommt das denn jetzt wieder her? Aber jetzt, der emotionale Höhepunkt der Faschingszeit: die Erzählung bekommt einen Standort. Als ich die Zeil überquere, komme ich im Wald aus Menschen an der Konstablerwache auf eine kleine Lichtung. Da fällt er mir auf...ein etwas älterer Mann, vielleicht fünfzig, mit buntem Cowboyhut und neongrüner Weste. Überrascht von dem farbenfrohen Anblick will ich ihn anlächeln. Erst bin ich mir nicht sicher, ob das unter dem Hut wirklich sein Gesicht ist. Ich habe einen Mund, Augen und ähnliches erwartet. Zu sehen bekomme ich nur ein zusammengekniffenes Etwas, das in die Welt hinauszurufen scheint: "Ich verklag dich! Wenn du mich anguckst, verklag ich dich! Kampf bis zum Tod! Meine Faust gegen deine!". Gerade noch schaffe ich es rechtzeitig, in eine andere Richtung zu schauen. Ich empfinde mal mindestens mittelgroße Erleichterung. Während ich mir den Schweiß von der Stirn wische, kann ich dieses intensive Erlebnis jetzt auch richtig einordnen: endlich hab ich den deutschen Karneval aus erster Hand kennengelernt.