Samstag, November 01, 2008

Der Lauf in den Herbst

Es gibt kein besseres Wetter zum Joggen. Drei Grad Celsius zeigt das Thermometer an, der Wald liegt im dichten Nebel. Lediglich die Garderobe sollte sorgfältig gewählt sein. Jetzt, wo der hartnäckige Husten endlich aufzugeben scheint. Hab keine Lust, ihn wieder zu wecken. Unterhemd, T-Shirt, Handschuhe nicht vergessen, Mütze auf, alten Pullover, Jogging-Jacke...was es nicht alles gibt...atmungsaktive Hose inhaliert, mp3-player in die Tasche, Stöpsel ins Ohr. Und los geht's. Kurz alle wichtigen Körperteile gedehnt, naja fast. Und langsam durch das Dorf Richtung Wald geschlurft. Es geht bergauf und man muss es ja nicht übertreiben. Irgendwo arbeiten ein paar alte Herren inmitten eines Neubaus. Das kleine Bäumchen zeigt an, dass das Richtfest schon stattgefunden hat. Jetzt kommt die lange Gerade, ich kann loslaufen. Jimmy Eat World liefert den Soundtrack zu meinem morgendlichen Wiedererstehungslauf. Natürlich hab ich die Handschuhe doch vergessen. In so einem Fall hilft nur ein gekonntes Auskugeln irgendwelcher Armknochen, um den Handballen komplett in dem eigentlich viel zu kurzen Pullover zu verstecken. Jetzt wo ich laufe, ist alles egal. Leicht fühle ich mich - auch nachdem ich in den letzten Monaten das Äquivalent von vier bis fünf Neugeborenen an Körpergewicht abgenommen habe. Noch renne ich auf Asphalt, vorbei an einer kleinen BMX-Strecke und diversen dorftypischen Tieren. Überall liegen Blätter, in allen Richtungen liegt Dunst auf der Mittelgebirgslandschaft. Endlich macht mir der Herbst nichts mehr aus, endlich tauche ich ein. In meinem Ohr bricht gerade Jim Adkins aus der Strophe aus: "It's firefight and I won't run". Ich muss lachen und übertöne damit sogar den energiegeladenen Refrain. Ich renne. Ja, ich renne. Aber ich renne nicht davon. In dem Moment habe ich endgültig den Waldweg erreicht. Statt auf Asphalt laufe ich nun auf vielen kleinen Kieselsteinen. Die Gemeindearbeiter haben den Weg im Sommer schön vermatscht während der jährlichen Holzgewinnung. Selbst darüber freue ich mich. Die heruntergefallenen Blätter tun das ihre dazu. Die Strecke ist wie geschaffen für meinen Zweck. Es geht auf und ab, aber es geht nicht wirklich auf und ab, vielleicht versteht man was ich meine. Vorbei an der Allee gelange ich auf den nächsten Streckenabschnitt. Der Weg hat sich in mein sensumotorisches Gedächtnis eingebrannt. Zumindest glaube ich das in diesem Moment. Zwei lichte Abschnitte wechseln sich ab mit bewaldeten Plateaus. Das erste Plateau gibt mir das Signal, dass mein ganzer Körper im Lauf angekommen ist. Die Füße fühlen sich in den leicht verdreckten Turnschuhen genauso warm an wie die immer noch und immer wieder neu versteckten Fäuste. Genau wie zwei kalte Füße einen Fernsehabend verderben können, weil sie als einzige Körperteile partout nicht ihre Kälte ablegen wollen oder können, so unterstützen sie hier mit ihrer neu gewonnenen Wärme das durchdringende Gefühl des ruhenden Unterwegsseins. Nach der zweiten Hochebene beginnt der Abstieg bis zur geteerten Weggabelung. Die letzten Meter gehe ich. Ich muss nicht immer laufen. Ein Auto fährt auf dem Weg vor mir vorüber, ein Jeep kommt ihm entgegen. Während sich beide Fahrer durch die geöffneten Fenster kurz unterhalten, dehne ich meine Beine wieder ein wenig. Ich will nicht wieder alles überlasten. Überlastung resultiert in wochenlangem Trainingsausfall, das hab ich alles schon mitgemacht. Ich hör jetzt lieber direkt auf meinen Körper, anstatt mir hinterher sein Gejammer anzuhören. Heute laufe ich nicht weiter ins Nachbardorf, ich drehe am Wegweiser um. Die Musik läuft weiter und ich mit ihr. Euphorisiert lasse ich die Arme baumeln, während ich auf dem kurzen Aufstieg langsam abbremse und in ein beschwingtes Gehen wechsle, begleitet von ausgelassenen Armverwirbelungen, die mehr an eine Disco erinnern als einen Waldlauf. Wuhaa, wenn das jemand sehen würde. Ich lache in mich hinein. Welche Strecke hat eigentlich der Jeep von vorhin...ich drehe mein Gesicht nach neben und erkenne ihn in meinen Augenwinkeln direkt hinter mir. Sekundenbruchteile später stehe ich am Rand und winke dem Fahrer entschuldigend zu. Er deutet zwinkernd auf sein Ohr, ich nicke und ziehe einen der Kopfhörer heraus und gebe ein lächelndes "Ja" von mir, während mich der Geländewagen auf der holprigen Strecke überholt. Ich sollte peinlich berührt sein, und wahrscheinlich bin ich es auch. Aber ich grinse wie ein Quartalskiffer und gehe gut gelaunt weiter. Der Rückweg ist ein ständiges Hin und Her zwischen Laufen und Gehen, das Knie gibt kleine Alarmsignale, die ich willig beachte. Alles geht gut. Es ist der Moment gekommen, in dem ich mitsinge. "Could it be that everything goes round by chance?" ähäähähääääänz, ähäähähäääääänz. Ich liebe diesen Schlenker. Melismatik würde der Musikwissenschaftler sagen, aber das interessiert nicht. Am allerwenigsten mich. Selbst als ich den Asphalt wieder erreicht hab, singe ich weiter. Vielleicht treffe ich einen Spaziergänger. Zurück im Dorf lass ich das ganze Erlebnis langsam austrudeln, bis ich den Haustürschlüssel in die Hand nehme. Auf die Dusche freue ich mich wie ein Schneekönig. Ja, geschneit hat es auch gestern, aber es war nicht der Rede wert. Wenn selbst der Herbst die Kraft hat, mich zu tragen, dann kann auch ein totaler Wegfall der gemütlichen Nestwärme nicht das Ende sein.

4 Kommentare:

smileng hat gesagt…

Hey Tino, freut mich, dass du den Wald wieder zurückeroberst!
Bis bald!

Backhausbrot hat gesagt…

Hallo Tino,
wenn du auf:
www.martin-dreyer.blogspot.com
beim Blogeintrag vom 15.11.´08 schaust, schaue auch mal auf den Kommentar von mir!
Wenn du über dem Kommentar mein Profil: backhausbrot
-anklickst, findest du u.a. auch dein online gestelltes Video (WfS) auf meinem dortigen Profil unter Audio Clip.
Liebe Grüße!
Björn
PS Was gibts schöneres als ein Waldlauf bzw. Waldspaziergang!
Hau rein Tino! :-)

Tino Lingenberg hat gesagt…

Hey Björn,
danke. und frohes Laufen ;)

LG
Tino

Backhausbrot hat gesagt…

Hallo Tino,
trotz einer "leichten" Raucherlunge ^^, laufe ich wirklich gerne!
Besonders jetzt bei Schnee sind die Waldwege, (insbesondere Tannen & sonstige Nadelholzwälder einfach herrlich).
Siehe Blogeintrag: 24.11 auf:
www.volxlieder.jesusfreak.de
*Jesus rockt den Westerwald*
Björn :-)