Sonntag, Mai 11, 2008

evangelisch oder koptisch-orthodox...mein Klosterwochenende

Ich war dieses Wochenende gleich in zwei Klöstern. Allerdings nicht zur inneren Einkehr. Die Umstände der beiden Besuche waren sehr unterschiedlich.

Am Freitag war eine Fahrt zum Kloster Wiebrechtshausen nördlich von Göttingen geplant. Zu einem Event namens Rock im Kloster. Ein Jugendcamp, bei dem verschiedene Bands (u.a. natürlich auch Waiting for Steve) ihre Musik in der alten Klosterscheune zum Besten geben. Nach zwei langen Staus im Pfingstverkehr faszinierte die ungewöhnliche Location umso mehr. Sehr gut hat mir die Vision gefallen, aus den zum Teil leerstehenden Gebäuden des alten Klosters eine Art geistliches Zentrum für Jugendliche aufzubauen mit Seminaren und Camps.
Das zweite Kloster stand absolut nicht auf meinem Plan für das Wochenende. Für den Samstag hatte ich einer Freundin zugesagt, die Klavierbegleitung auf ihrer kirchlichen Trauung zu übernehmen. Das Ganze ging in einem wunderbar abgeschiedenen Dorf zwischen Wetzlar und Gießen innerhalb einer schönen aufblühenden Landschaft über die Bühne. Zum ersten Mal in meinem Leben fuhr ich nach Waldsolms-Kröffelbach. Schönes kleines Dorf mit verwinkelten alten Häusern und Scheunen. Zur anschließenden Feier ging es dann weiter ins nahegelegene Dorfgemeinschaftshaus. Dort fiel mir ein ungewöhnlicher Wegweiser auf: "zum koptischen Kloster". Vom Balkon des DGH aus war dann tatsächlich ein völlig unerwartetes Gebäude leicht außerhalb des Dorfs zu sehen, das sich als koptisch-orthodoxes Zentrum St. Antonius Kloster herausstellte. Natürlich hab ich mir nach dem reichhaltigen Hochzeitsessen das Ganze aus der Nähe angesehen.

Neben einigen ganz gewöhnlichen Gebäuden fällt als erstes ein Turm mit weithin sichtbarem Kreuz und die direkt anschließende Kirche auf. Beides erwartet man so rein gar nicht in der dörflich-bäuerlich geprägten Umgebung. Die Form der Kirche wirkt wie eine stilisierte Arche Noah. Im Hof des Komplexes sitzen mehrere ägyptisch-koptische Familien, während sich nebenan auf dem Fußballplatz das Jungvolk am Ball zu schaffen macht. Ziemlich direkt werde ich von einem netten jungen Mann angesprochen, der sich anbietet, mir die Kirche zu zeigen und zu erklären. Am Eingang erklärt eine Plakette, dass die Kirche vom koptischen Papst Shenouda III., 117. Nachfolger des Evangelisten Markus, 1990 geweiht wurde. Im Inneren riecht es noch stark nach Weihrauch, während zwei Handwerker ein frisch hinzugefügtes Ornament in der Ikonostase im vorderen Bereich abschmiergeln. Überhaupt findet sich an allen Wänden kaum eine Stelle ohne Wandbild. Ich lerne, dass Ikonen in koptisch-orthodoxen Kirchen mit demselben Öl geweiht werden wie ein Mensch bei seiner Firmung. Im großen Wandbild an der Vorderseite erkenne ich die zwölf Apostel, außerdem Jesu Tod und Auferstehung als Zentrum des Ganzen. Neben diesem Fakt erwähnt mein Begleiter auch noch die drei Säulen des koptischen Christentums: die heilige Schrift, die Kirchenväter und die Tradition der Kirche. Wir reden noch über das Mönchtum innerhalb der Kirche, das koptische Kirchenverständnis und ich erfahre, dass diese Kirche der einzige original koptische Bau in Deutschland ist. Ganze drei Mönche leben in diesem Kloster. Ein weiteres Kloster steht in Höxter-Brenkhausen in Nordrhein-Westfalen, allerdings ein umfunktioniertes altes katholisches Kloster. Gerade habe ich im Bücherschrank ein koptisches Stundenbuch entdeckt und blättere drin, da vibriert mein Handy. Das Programm der Hochzeitsfeier beginnt und mein Typ wird verlangt. Ganz abrupt lande ich wieder im gewohnten deutschen Kulturkreis, als Tante Rosi in voller Tracht ihr "leicht" pathetisches Gedicht zum Anstoßen vorträgt.

Hier ein paar Bilder:
1. Klosterkirche Wiebrechtshausen


2. Kirche und Kirchturm des koptisch-orthodoxen Klosters St. Antonius in Waldsolms-Kröffelbach


3. Eingang der koptischen Kirche